Johannes Wallmann

"Lichtende Bewegung"

Als ich im Frühjahr 1974 zu einem Gespräch mit dem Suhler
Generalmusikdirektor Siegfried Geissler zusammentraf, da
sah ich in dessen Dienstzimmer erstmals eine Reihe von
Streubels Arbeiten. Ich war fasziniert von der sensiblen und
intelligiblen Klarheit und Kraft, von der ideologiefreien
Wahrheit und Schönheit, die von diesen Bildungen
ausgingen, und die ich so noch nicht gesehen hatte. Kaum wollte
ich es glauben, dass deren Schöpfer weitgehend unbe- und unerkannt
im nahegelegenen Gotha leben sollte, existierend vom Einkommen
seiner als Orchestermusikerin tätigen Frau. Das, was ich da vor
mir sah, schien mir dem Besten und Höchsten der Bildenden Kunst
unserer Gegenwart zuzugehören. Etwa anderthalb Jahre später lernte
ich meine Frau kennen, und als ich das erste Mal in das Wohnzimmer
ihrer in Gotha lebenden Familie trat, begegnete ich wiederum einer
Arbeit von Streubel, durch die mein erster Eindruck sich weiter
verstärkte: 'Stangent', aus Öl, Kreide Farbe. Eine seltsame Scheu
in mir hielt mich an, schnellen und zufälligen Begegnungen mit
Streubel auszuweichen. Und ich glaube, dieser Scheu lag die Ahnung
zu Grunde, dass die Begegnung mit ihm mein Leben sehr stark
beeinflussen würde. Diese Ahnung erwies sich bald als zutreffend.
Mit loderndem Geist (der sich manchmal auch an sich selbst
verbrannte), mit einem hochsensiblen Auffassungsvermögen, mit
einer ungewöhnlichen Kraft gedanklichen Durchdringens - die zu
tieflotenden philosophischen Verallgemeinerungen in der Lage ist -
und mit einem vergnüglich-scharfsinnigen Witz und Schalck forderte
er mich auf allen Ebenen meiner Persönlichkeit. Durch ihn, der
seine eigene Arbeit als abstrakt-konstruktiv-konkret umriss,
begriff ich erstmals etwas von der Tragweite jener Denkansätze,
die bei Kandinsky und Klee in unserem Jahrhundert zu erster Blüte
gelangt waren. Durch ihn lernte ich sorgsamst zu unterscheiden,
durch ihn erhielt ich Bestätigung, wie notwendig das
Künstlerische mit dem Philosophischen verknüpft sein muss. Durch ihn,
der sich und sein Werk keinen politischen, ideologischen oder
kommerziellen Vereinnahmungen preisgab, bekam ich einen Begriff
davon, dass das Künstlerische einer jeweiligen Epoche seine
Integrationskraft am besten dann entfalten kann, wenn es so weit
als möglich ideologiefrei orientiert (ist). Sogleich erhielt ich
durch ihn differenziertere Einblicke in Hintergründe
kulturpolitischer Zusammenhänge innerhalb der DDR. Und das waren
Einblicke, die nichts mit denen durch die Streitbrillen von
Ideologen gemein hatten, sondern sachlich und ideologiefrei
wahrzunehmen, abzuwägen und zu orientieren suchten, anknüpfend an
den frühesten Punkten der Kulturentwicklung der DDR, authentisch
durch sein eigenes Erleben in Tun und Erleiden.

Vielerlei Umstände hatten Streubel nach den Wirren des Kriegsendes
(nach eigenen Aussagen hatte er mit der RÇsistance
zusammengearbeitet, war letzter Kurier für die Widerstandsgruppe
"Rote Kapelle") nach Gotha verschlagen. Von Thüringen aus
versuchte er auf eine künstlerisch- progressive Entwicklung der
DDR-Kultur Einfluss zu nehmen. Streubel wurde 1946 in Gotha wohl
einer der ersten Genossen der SED (aus der er aber bald wieder
ausschied) und war an der Gründung des Kulturbundes ebenso
beteiligt, wie an der 1. Parteikulturkonferenz. Die 1. Juryfreie
Ausstellung - 1950 von ihm initiiert - wurde schon nach drei
Wochen wieder geschlossen. Im Rahmen der Formalismusdiskussion
und der Abwendung der offiziellen Kulturpolitik von den Denkansätzen
der Bauhauskünstler (die im nahegelegenen Weimar - wo er 1946/47
seine Studien bei Hoffmann-Lederer und Schäfer-Ast führte - das
erste Bauhaus gegründet hatten) wurde er 1952 nicht Mitglied
des - sich auch gegenüber dem Kulturbund verselbstständigenden
– Verbandes Bildender Künstler der DDR und erhielt stattdessen die sogenannte
Formalistenrente. Nach Arbeits- und Studienaufenthalten in Krefeld
und Düsseldorf 1953/54, nach der schweren Erkrankung und dem Tod
seiner ersten Frau, prägte er in der Gothaer Zurückgezogenheit
mehr und mehr seine Alternative zu dem ideologistichen Rummel
der DDR-Funktionärs- und Verbandskunst aus, und das radikal.
Gebunden an seine 'Kosmische Komposition', die er 1949 in
frühmorgendlich-unschuldigem Erwachen vor einer Gartenlaube am
Gothaer Boxberg angeichts eines weiten Firmaments spontan aus sich
herausmalt, gelingen ihm zunehmend sehr wesentliche Klärungen zu
Form und Funktion, zu Funktion und Farbe, zu Farbe und Klang. Im
Wechselspiel von schöpferischer Spontanität und reflektierendem
gedanklichen Durchdringen, kommt er zur Integration von Geistigem
und Materialem, von Wahrheit und Schönheit und läßt diese zur
befreienden sinnlichen Wahrnehmung werden. Darin liegt der
umfassende Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit und ihrer
meist ungegenständlichen Vergegenständlichungen. Die Farben
finden die Formen, die Formen finden untereinander und zu den
Farben, Farben und Formen geben sich auf, um sich in neuen,
ungewohnten Mischungen wiederzufinden. Er gelangt zu
faszinierend-einfachen und meditativ-klaren Gestaltungen, die in
ihrer einmaligen Farb- und Formklanglichkeit die Frühpunkte des
Geborenwerdens und die Weiten der Weisheit integrieren. Radikaler
Ernst mit der den Farben und Formen innewohnenden Funktionalität;
buntgemachte schwarz-weiss-Konturik ist in Streubels OEuvre nicht
zu finden. Und aus diesem Ernst einerseits und den auf
Ideologisierung orientierten kulturpolitischen Verhältnissen in
der DDR andererseits, hat sich die Dramatik seines persönlichen
Lebens entwickelt. Von Anhängern und Freunden - die sich an seinem
lodernden Geist oft verbrannten, seiner Originalität oft nicht
gewachsen waren, aber doch zumindest seine Genialität ahnten -
immer wieder allein gelassen, baute er trotz aller gegenteiliger
Erfahrungen auf eine Erneuerung der Kunst. Vielleicht kann seine
Kunst als eine Art Saatgut dafür gelten. Diejenigen Kräfte, die
die Kraft seiner Kunst und ihrer Ansprüche fürchteten, sie nicht
wahrhaben wollten oder ihr nicht gewachsen waren, versuchten ihn
massiv in Bedrängnis zu bringen, das So-Sein seiner Kunst und
seiner Person zu bagatellisieren, zu verschweigen oder
kaputtzuspielen. Erst als ich selbst die scheinbar zufälligen,
aber gewollt- gesteuerten und raffiniert-perfekten
Zerteilungsmethoden der ehemaligen
DDR-Staatskultursicherheitsmaschinerie und den ungeheuerlichen
psychischen Druck, der von ihr ausgeübt wurde, an Leib und Seele
zu spüren bekam, begriff ich be- wundernd, was Streubel und seine
Frau seit vier Jahrzehnten auszuhalten hatten, begriff ich seine
Furcht und Sorge um die Erhaltung seines Lebenswerkes, und sogar
seine fast krankhaften Misstrauischkeiten, mit denen er auch jene,
die ihm und seinem Werk Freunde und Helfer sein wollten, von sich
stiess. Die ihn unmittelbar betreffenden, von der
DDR-Staatskultursicherheitspolitik erzeugten Spannungen waren
so mächtig, dass sie wahrscheinlich nicht anders als mit
Selbstisolierung auszuhalten waren. Orwell hat in seinem Roman
"1984" solche Spannungen und die aus ihnen hervorgehenden éngste
beschrieben; sie sind grausam. Welchen Kräfteverschleiss zieht es
nach sich, diesen Spannungen vier Jahrzehnte unentwegt ausgesetzt
zu sein ! 'Wertfreie ésthetik' als Alternative zu allen Spielarten
'kommerzieller Kunst' setzend, hat Streubel - unter Verzicht auf
Bekanntheit und ôffentlichkeit (und die sich daraus er- gebenden
Vorteile), unter Verzicht auf Darstellung, Belehrung und alle
ideologistischen Anwandlungen - allein aus der Kraft seiner sich
im ésthetischen (das ésthetische als die Mitte von Künstlerischem
und Wissenschaftlichem!) vollziehenden Integrationen die
Funktionen des Künstlerischen auf bisher ungesehene Weise erfüllt
und konkretisiert. Dass von diesen Integrationsleistungen bisher
kein Gebrauch gemacht wurde, hat wohl auch damit zu tun, dass die
befreiend 'befreite Mitteilung' die aus dem Streubel'schen Werk
spricht, sich schwerlich zum "teile und herrsche" und zu
ideologischen Umfunktionalisierungen missbrauchen läßt. Als ich im
Januar 1988, zu einer Zeit, in der die DDR-Staatssicherheit in
Folge der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration zahlreiche
Hausdurchsuchungen und Verhaftungen vornahm und
Ermittlungsverfahren wegen "landesverräterischer Beziehungen"
einleitete, gemeinsam mit meiner Frau die Beuys-Ausstellung im
Ostberliner Marstall besuchte und dort in grossen Lettern
vergleichbare Denkansätze und öberlegungen fand, für die Streubel
Jahrzehnte zum Schweigen verurteilt war, für die ich selbst mit
der Einbusse aller Möglichkeiten öffentlicher künstlerischer
Aktivität hatte zahlen müssen, da waren wir begeistert und
niedergeschlagen zugleich. Begeistert, weil gedankliche
Parallelen in die Ohren sprangen, niedergeschlagen, weil wir uns
der Aussichtslosigkeit unserer eigenen Situation wiederum zutiefst
bewusst wurden. Denn auch die Beuys- Ausstellung hatte der
DDR-Kulturpolitik dazu zu dienen, eine Liberalität zur Schau zu
tragen, hinter deren Fassade sich vergleichbare Ansätze innerhalb
der DDR umso besser verschweigen und in die Ecke drängen liessen,
hinter deren Fassade die Existenz eines Streubel'schen Werkes umso
un- wahrscheinlicher erscheinen musste, ihm die Grundlagen des
Begreifbar-Werden-Könnens umso ungestörter vorenthalten werden
konnten. Für die zeitliche Parallelität der Beuys- Ausstellung
mit den Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Anschuldigen
"landesverräterischer Beziehungen", bzw. "geheimdienstlicher
Tätigkeit" (jeder Unliebsame, bei dem auch nur eine Visitenkarte
aus dem westlichen Ausland gefunden wurde, musste solcher
Anschuldigungen gewärtig sein) wird kaum einer ein Ohr gehabt
haben; uns fuhr sie in die Glieder. Die DDR-Presse führte dazu
eine deutliche Sprache (die auf's Haar jener von April/Mai 1953
glichen. Ergänzend dazu die - einen finsteren Mantel
zurückhaltenden Schweigens ausbreitende - Grosszügigkeit, mit der
westdeutsche und westeuropäische Künstler kulturminsteriell in die
DDR ein- geladen und umgarnt wurden.

Streubel konnte es sich in seiner Isoliertheit zwar nicht leisten,
sich politisch direkt anzulegen, und das sah er auch
nicht als seine unmittelbare Aufgabe. Aber schon allein die von
ihm zu bestimmten Daten schriftlich formulierten und in blauer
Matrizeschrift verschickten Gedanken-, Begriffs- und
Daten-Verknüpfungen, bzw. seine alljährlichen "p.f."s bewiesen
seine erstaunliche Aktivität und seinen Mut. Ich habe ihn in
Situationen angetroffen, wo über ihm alles zusammenzubrechen
schien und ihm aus Händen und Füssen der Eiter ausbrach, sodass er
Monate lang kaum etwas tun konnte. Dass er sich über all die Jahre
trotz all der Belastungen halten konnte, ist seiner phantastischen
Konstitution und dem löwenhaften Stehvermögen seiner Frau zu
danken.

Joseph Beuys, der genau zwei Tage vor Kurt W.Streubel geboren
wurde, sagte: "...Biographie ist mehr als nur eine rein
persönliche Angelegenheit. ...". Meine eigenen Bemühungen, der
Aussage dieses Satzes gerecht zu werden und zu einer ôffnung
gegenüber Streubels Werk sowie zu entsprechenen Ausstellungen
beizutragen, sind auch seit unserer öbersiedlung 1988 in die
Bundesrepublik erfolglos geblieben. Selbst bei hochrangigen
Bundesbürgern, die an der Eröffnung der Ostberliner
Beuys-Ausstellung beteiligt waren und damit entsprechende
Verantwortung übernommen hatten, wurde meine Bitte um
dahingehende Unterstützung abgewiesen. Die politische
deutsch-deutsche Geschäftemacherei wäre wohl andernfalls in
Gefahr gelaufen, gestört zu werden.

Es ist auch angesichts dessen an der Zeit, sich mit Kurt W.
Streubels Werk bewusst zu werden, dass Kunst ebenso wenig wie
Biographie eine rein persönliche Angelegenheit ist.

jw - 30 - 11 - 1988
jw - 20 - 12 - 1990