H. Johannes Wallmann

Architekturen der Zukunft
– die Stadt als Kunstraum


Architektur ist gebauter Intelligenztransfer und ein wichtiges Portal zum Diskurs der geistig-kulturellen Wertvorstellungen. Als konkret gebautes Struktursystem und als Ausdruck unseres nach aussen erweiterten kulturellen Bewusstseins ist sie die öffentlichste aller Künste. Ihr Wert misst sich daher an der Qualität der mit ihr verknüpften geistig-kulturellen Dimensionen, durch die sie über sich selbst hinausweist.

Unter diesen Blickwinkeln ist auch die Frage nach der Definition des Raumes neu zu stellen. Es ist die Frage, woraus Raum sich grundsätzlich konstituiert. Um eine Antwort zu finden, knüpfen wir an Überlegungen aus der Chaostheorie an und stellen fest: Raum entsteht prinzipiell aus der Einheit und Spannung von Schnittpunkten unterschiedlicher dynamischer Prozesse. Deshalb ist auch von recht unterschiedlichen Räumen zu sprechen; von Denk- und Empfindungsräumen, wie von Natur-, Stadt- und Landschaftsräumen. Auch Politik und Wirtschaft, Philosophie, Religion, Musik oder Malerei entwickeln in sich selbst relativ eigenständige Räume. Um zu vermeiden, dass die Räume sich gegenseitig ignorieren, nivellieren oder zerstören, bedarf es ihrer integralen Qualität und ihres Zusammenwirkens in einer vieldimensionalen Raumstruktur.

Worin besteht diese integrale Qualität? Sie basiert auf der Wahrnehmung der von Buckminster Fuller thematisierten Frage nach der Integralfunktion des Menschen im Universum. Als den Kerngedanken der Integralfunktion möchte ich die Weitergabe und Unterstützung von Intelligenz und organismischen Lebensformen formulieren. Gelänge es dem Menschen, die Weitergabe und Unterstützung von organismischen Lebensformen – und damit auch die Regenerationsprozesse des Ökosystems Erde – zu sichern, so würde auch die Entwicklung, Weitergabe und Unterstützung von integraler Intelligenz möglich.

Die Intelligenz des Menschen bleibt zudem solange ungenügend entwickelt, wie sie allein rational orientiert ist. Denn sie kann ihre volle Potenz erst durch eine gegenseitige Ergänzung der rational und emotional operierenden Gehirnhemisphären erreichen. Auch die kulturelle Kommunikation ist nur so zukunftstragfähig, wie sie auf die volle Entfaltung der Intelligenz des Menschen hinwirkt und damit die Spaltung von Rationalem und Emotionalem überwindet. Die volle Entfaltung unserer geistigen Potenzen bildet die Voraussetzung, die Integralfunktion zu erfüllen und die unterschiedlichen Räume, Schnittpunkte und dynamischen Prozesse des Lebens in kompatible und organismisch verträgliche Relationen zu bringen.
Architektur hat nun prinzipiell die Aufgabe, dynamischen Prozessen und ihren Schnittpunkten eine bestimmte effektive bauliche Struktur zu geben. Dazu muss sie nicht nur die zu einem jeweiligen Bau gehörenden dynamischen Prozesse und Schnittpunkte definieren, sondern – und das ist wohl selbstverständlich - auch nach Formen und Strukturen fragen, mit denen eine effektive Umsetzung dieser dynamischen Prozesse gewährleistet werden kann.

Weil aber die Hauptfunktion von Architektur darin zu sehen ist, als gebautes Struktursystem unseres nach aussen erweiterten kulturellen Bewusstseins zu fungieren, sind die einzelnen Bauten als dessen Unterfunktionen zu definieren. Dies bedeutet, die effektive architektonische Umsetzung der dynamischen Prozesse nicht auf die Gewährleistung der profanen Funktionen zu beschränken, sondern sie grundsätzlich der Aufrechterhaltung und Erweiterung des allgemeinen kulturellen Intelligenzübertragungssystems zu verbinden. Für eine zukünftige Architektur bedeutet dies nicht weniger, als von einer kommerziell funktionalen Gestaltung zu einer kulturell integralen Qualität voranzukommen. Es wäre ein Schritt weg vom Oberflächendesign hin zu Architekturformen, die die Interfaces zwischen Innenraum und Aussenraum so strukturieren, dass die in ihr Gestalt annehmende vieldimensionale Raumstruktur tatsächlich – und sozusagen in Augenhöhe - zum Klingen kommt.

Würden Architektur und Städtebau weiterhin vor allem als kommerziell zu designende Benutzeroberfläche verstanden, hätte das für die Gesellschaft als Ganzes fatale Folgen. Dem Gemeinwesen würde eine wichtige Grundlage der öffentlichen kulturellen Kommunikation entzogen bleiben, wodurch sein Zerfall besiegelt wäre. Deshalb gilt es die Städte wieder als kulturelle Zentren – und zwar im Sinne eines neuen integralen Bewusstseins - zu verstehen und sie architektonisch entsprechend zu gestalten. Die kulturellen und die profanen Relationen werden dabei aneinander heranreichen, sich berühren, in unmittelbare Nachbarschaft und in ein kreativ lebendiges Wechselspiel treten können. Die Stadt der Zukunft wird also mehr sein müssen als eine geschickte Aneinanderreihung funktionaler Architekturen. Sie soll mit ihrer architektonischen und städtebaulichen Gestalt integrale Intelligenz, kulturelle Identität, transkulturelles Verständnis sowie organismisch kompetenten Zukunftswillen verkörpern und ausstrahlen.

Die Stadt der Zukunft als Kunstraum, geplant nach Kriterien akustischer und optischer Ökologie. Die Produktion von akustischem und optischem Abfall wird ebenso vermieden, wie die optische Überlärmung der menschlichen Psyche. Durch eine akustisch bewusste Stadtplanung, durch entsprechend gebaute Architekturen und durch intelligent angelegte Verkehrsstruk-turen wird der Lärm und Gestank der Straßen auf ein verträg-liches Minimum reduziert. Die optische Gestaltung orientiert sich wie die akustische an den integralen Bezugspunkten des vieldimensionalen Raumes. Die einzelnen Architekturen ver-deutlichen dessen einzelne Aspekte. Die entsprechende Architektur lädt zur Öffnung der Wahrnehmung ein. Kaum Fassaden, sondern architektonische Aussenräume - kristallin oder gewölbt - als Räume künstlerischer Gestaltung, für Skulpturen, Malerei und Klänge in Ohren- und Augenhöhe. Neben den Einkaufsbereichen - und in sie vordringend - Orangerien, Stein-, Kristall-, Sand- und Erdräume sowie wuchernde Natur. Spielplätze. Piazzas, die als Aufführungsforen für moderne multimediale Performances dienen. Foren für transkulturelle Integral-Games, durch die in intelligenten Formen Selbstorganisationsvorgänge erfahren werden können. Funktionslandschaften mit künstlerisch gestalteten Formen von Schaufenstern, Balkons, Erkern, Terrassen, Dachgärten, mit Skulpturen, Farben und leisen (begrenzt zu hörenden) Klängen. Organoide Architekturformen, Tensegrity-Architekturen, Pflanzenformen, Wellenformen, Blitzformen oder fraktale und nichteuklidische Geometrie, gut abgestimmt auf das jeweilige Umfeld, als energetische Ausgleichsfaktoren, unprätentiös, grundlegend einfach und schön. Ein Haus der Farbe, ein Haus des Klangs, ein Turm schnell fallender oder aufsteigender Elemente, eine Halle, in der man das Pulsieren der Pulsare im Weltall hören kann, Planetarien, die in den Zentren der Städte dazu einladen, ins Weltall zu schauen. Räume, Plätze oder Plattformen, die die Schnittpunkte des vieldimensionalen Raumes auf ungewöhnliche Weise begreifbar werden lassen. Orte, die in integral-modernen Formen den Mysterien des Menschsein gewidmet sind. Performances-Centers, Bibliotheken, Theater, Konzerthäuser, die bis tief in die Nacht besucht werden können. Auf den Plätzen und Straßen Wasserspiele, die ihre Atmosphären tatsächlich erfrischend entfalten, ohne von Klimanlagen oder Verkehr übertönt zu werden.
Wo könnte eine solche Stadt entstehen? In allen Städten sind (egal wie schlecht ihre Planungen gewesen sein sollten) vielfältigste Möglichkeiten denkbar, sie Schritt für Schritt zu einem - kulturelles Bewusstsein und Intelligenz kommunizierendem - Kunstraum werden zu lassen. Die Stadt sollte dafür allerdings weniger als Bühne verstanden werden, auf die nach Belieben austauschbare Kunstobjekte oder Architekturen zu stellen sind, sondern vielmehr als eine energetische Konstellation, auf die es mit speziell zu entwickelnden Projekten so zu antworten gilt, dass kulturelle Qualitäten wahrnehmbar werden.
Es gilt bei der Ausbildung der Künstler anzusetzen und sie auf den integralen und vieldimensionalen Raum zu orientieren. Unbedachtheit und Ignoranz sowie zu geringe Investitionen in die Projekte selbst (aber auch in die Innovation von Ausbildung und Gestaltung) bringen uns nicht voran. Sie sind sogar gefährlich, weil eine schlechte Realisierung die Projekte selbst und die ihnen zugrunde liegenden Ideen in Misskredit bringt.
Wesentlich auch, dass das Erlebnis von Formen, Farben, Klängen nicht mit Ideologien bepflastert ist, sondern dass die Energien und Informationen weitgehend ideologiefrei transferiert werden. Es könnte für solche Ideen ein grosses künstlerisches und gestalterisches Potential freigesetzt werden, das die entsprechende Kompetenz mitbringt oder sich aneignen kann, wenn mit ihm die Neuentwicklung eines kulturellen und künstlerischen Know hows einhergeht, das es erlauben wird, jedesmal - wenn wir es einsetzen - mit den gestalterischen Fragen behutsam und intelligent umzugehen.

Auch wenn Architektur als ein wichtiges Strukturelement des nach aussen erweiterten kulturellen Bewusstseins und als die öffentlichste aller Künste gelten muss, so sollte sich mit ihr vergegenwärtigen, dass sie nicht das kulturelle Bewusstsein selbst ist. Denn dieses formuliert sich durch die integrale Verknüpfungsleistung der unterschiedlichen Räume und Prozesse menschlichen Lebens. Diese Verknüpfungsleistung stellt eine derart hochkomplexe Anforderung dar, dass sie nur aufgrund einer glücklichen, kulturell optionierten und gut strukturierten interdisziplinären Zusammenarbeit zu leisten ist. Und genau daran hat es dem 20. Jahrhundert elementar gemangelt. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist die Voraussetzung, um das integrale Zusammenwirken der Räume zu einer vieldimensionalen integralen Raumstruktur zu ermöglichen.

Obwohl Walter Gropius mit dem Weimarer Bauhaus ein bewusstes Mit- und Ineinanderwirken der Künste postulierte, ist es in Bezug auf Städteplanung und Architektur kaum wirklich eingelöst. Zudem verkam in der Dessauer Bauhauszeit der Ansatz des integralen Zusammenwirkens der Künste mehr und mehr in Richtung eines kommerziellen und funktionalen Designs. Und leider war die Architektur des 20. Jahrhunderts von den damit verbundenen Missverständnissen sehr stark dominiert, was letztlich dazu führte, dass sich die Menschen in Umgebungen alter Architekturen nicht selten wohler fühlen, als in den Umgebungen neuer. Bereits bei Gropius lag ein nicht unerheblicher Fehler. Er bestand darin, Architektur als Leitkunst zu propagieren, der sich alle anderen Künste ausschmückend unterzuordnen hätten. Es muss daher auch heute noch das Nein wiederholt werden, das Gropius von seinen besten Bauhauskollegen dazu erfuhr. Nein, denn die anderen Künste sind als Räume nicht zur Ausschmückung von Architektur da, sondern sind als ihr integraler Bestandteil zu verstehen, um dessentwillen Architektur – neben ihren profanen Funktionen - letztlich gebaut wird.

Indem viele Architekten die interdisziplinäre Idee des „Gesamtkunstwerkes“ (wir denken dabei nicht an Wagners Opern) vergaßen oder es mehr oder minder allein zustande bringen wollten, blieb die integrale Struktur des vieldimensionalen Raumes völlig unterentwickelt. Das „Gesamtkunstwerk“ wurde zwar viel diskutiert und viel belächelt, doch kaum eingelöst. Sich des vieldimensionalen Raumes bewusst zu werden und ihn – wenigstens präzedenzfallartig – in interdisziplinärer Zusammenarbeit integral differenziert zu gestalten, das könnte für die Architektur-Qualität des 21. Jahrhunderts ausschlaggebend werden. Zu der dafür notwendigen interdisziplinären Zusammenarbeit gibt es auf Dauer keine ernsthafte Alternative. Denn wenn z.B. die Maler und Bildhauer, die Musiker und Philosophen nicht von vornherein in die Konzeptionen von Städtebau und Architektur einbezogen werden, wird an ihren ernstzunehmenden Überlegungen, Ideen und Einwänden vorbeigebaut. Damit wird sich die Instabilität des vieldimensionalen Raumes, in dem wir leben, so rasant steigern, dass er zerspringt oder in sich selbst zusammenstürzt. Es wäre dagegen eine vertiefte gemeinsame interdisziplinäre Zusammenarbeit zu setzen, die das Wissen und Erkennen der einzelnen Disziplinen zu einem vieldimensionalen – synergetisch operierenden - Ganzen verknüpft, das Stabilität erlangt, weil es mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Chance der zukünftigen Architektur liegt daher genau darin, sich der Notwendigkeit interdisziplinärer Arbeit bewusst zu werden. Stück um Stück werden Architektur und Städteplanung dann das falsche Ideal designter Fassadenflächen (ich kann nicht umhin, es manchmal Fassadismus zu nennen) zugunsten einer integralen Gestaltung aufgeben, bei der künstlerische Formen von Reliefs und Skulpturen, Licht und Farben, Klängen und Geräuschen von vornherein Bestandteil interdisziplinär erarbeiteter Gestaltungskonzeptionen sind. So wird die Stadt der Zukunft nicht zu einer zerfahrenen und überlärmten Benutzeroberfläche verkommen, sondern sich als akustisch und optisch ökologischer Kunstraum und als Ort innovativer kultureller Kommunikation entwickeln.

Es gilt dafür eine Reihe schlechter Gewohnheiten und falscher Prämissen über Bord zu werfen. Die Ideen und Projekte, die schon heute für integral orientierte architektonische, städtebauliche und kulturelle Struktursysteme entwickelt und verwirklicht werden können, werden uns dabei helfen.

Berlin, im Frühjahr 2002